Produktionen

Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen

Bühnenadaption der Erzählung von Nikolaj Gogol

Termin:
April 2020. Der genaue Termin folgt.
Regie / Dramaturgie:
Anne Zühlke
Spiel:
Stephan Weßeling
Musik:
angefragt
Bühne- u. Kostümbild:
Anton Lukas

Zum Stück

Der völlig unbedeutende Beamte Axentij Iwanowitsch Popristschin leidet entsetzliche Qualen. Er hat sich unsterblich in die Tochter seines Direktors verliebt. Doch aufgrund seiner Herkunft...

und daraus resultierender mangelnder Aufstiegschancen, kann er nie und nimmer das Herz dieser Dame erobern. Er fragt sich in wütender Verzweiflung, woher all diese sozialen Unterschiede eigentlich kommen! Auf der Such nach einer Antwort, hat er eine Erleuchtung. Sie kommt über ihn, wie ein Blitz. Unter dem Datum des 43. April 2000 notiert er in sein Tagebuch: „Heute ist der Tag des größten Triumphes. In Spanien gibt es einen neuen König. Dieser König bin ich!“ Popristschin erwartet seine spanische Gesandtschaft, die ihn nach Madrid begleiten soll. Doch stattdessen bringt man ihn ins Irrenhaus. Ein merkwürdiges Land, dieses Spanien.

Der Prozess des Wahnsinnigwerdens ist paradoxerweise zugleich ein Prozess der Bewusstwerdung und Vermenschlichung des subalternen Beamten. Ist der normale Popristschin mit niedrigen und gemeinen Zügen ausgestattet, so gewinnt er im Zustand des Wahnsinns Einsicht in seine tatsächliche Lage und nimmt tragische menschliche Dimensionen an.

Gogols Figuren - ob sie wachen oder schlafen – befinden sich immer und überall in einem hell erleuchteten Albtraum. Er setzt seine Gestalten allerdings keinen absurden Situationen aus, vielmehr ist seine ganze Welt absurd. Die Gogolsche Welt enthält bereits all jene modernen unübersichtlichen Großstadt- oder Bürokratieszenarien, wie sie später u.a. bei Franz Kafka oder Edgar Allen Poe auftauchen. Hinzu kommen bei ihm Dämonie, Hellseherei, Aberglauben und seine unvergleichliche Komik.

Nikolaj Gogol (1809 – 1852)

Wer war dieser erstaunliche und extrem wunderliche russische
Prosapoet und Dramatiker? Geboren wurde er – vor 200 Jahren - am 1. April 1809 in Welikije Sorotschinzy, einem komischen und schlammigen Ort in der Ukraine. Gogol war hässlich, von schwächlicher Konstitution. Die Leute mussten sich nicht selten das Lachen verkneifen, wenn sie ihn sahen. Er arbeitete zeitweilig als Hauslehrer. Einer seiner Schüler schrieb: „Er hatte einen kleinen Wuchs, eine dünne, verkrümmte Nase, krumme Beine, ein putziges Haarbüschel auf dem auch sonst nicht gerade elegant frisierten Kopf, eine stoßweise Art zu sprechen, ständig unterbrochen von einem näselnden Laut und einem Zucken des Gesichts.“ Außerdem hatte er einen schiefen, hüpfenden Gang. Und immer ist es die Nase, diese übergroße Nase, die Aufsehen erregte und die in späteren, schriftstellerisch erfolgreichen Jahren leichte Beute für Karikaturisten war. Schon sein Name reizte manch einen Spötter. Gogol, auf der ersten Silbe zu betonen, heißt ein Wasservogel: die Schellente. >Wie eine Schellente daherkommen< meint im Russischen so viel wie sich geckenhaft kleiden und benehmen. Gogol plagten heftige Schübe von Unausgeglichenheit, Verfolgungswahn und Unruhe, die er durch weite, zumeist planlose Reisen durch Europa zu bekämpfen suchte. Sie führten ihn unter anderem auch nach Lübeck, Hamburg und Köln.
Der Tod seines Freundes N. M. Jazýkow (1847) und dessen Schwester E. Chomjakówa (1852) belastete ihn schwer. Er litt zunehmend unter Depressionen und fühlte sich „erstarrt“. Dennoch beendet er Anfang Januar 1852 die Arbeit an seinem großen Roman Die Toten Seelen. Gogol ist mittlerweile allerdings so erschüttert, dass er beginnt, sich auf den Tod vorzubereiten. Gespräche mit dem Oberpriester Matwej Konstantinowskij, der ihn aufforderte, sich von der Schriftstellerei, vor allem aber von dem „Sünder und Heiden“ Puschkin loszusagen. In der Nacht vom 11. zum 12. Februar verbrennt Gogol den zweiten Teil der Toten Seelen. Er bricht in Weinkrämpfe aus und verweigert die Nahrungsaufnahme. Die Ärzte, die ihn behandeln, wollen dem Wahnsinn ihres Patienten das Handwerk legen. Sie versuchen nicht, den ausgezehrten Körper und Geist mit geeigneten Mitteln zu stärken. Es ist schrecklich, auf welch groteske Art ein gewisser Dr. Hovert mit dem halbtoten Gogol umspringt: Er lässt ihn in ein warmes Bad setzen, seinen Kopf mit kaltem Wasser übergießen uns setzt ein halbes Dutzend fetter Blutegel an seiner Nase an. Sodann wird der „Wahnsinnige“ zu Bett gebracht, in dem er schreit und stöhnt. Die Egel baumeln ihm von der Nase in den Mund. Am Morgen des 21. Februar stirbt Gogol und wird am 24. Februar unter großer Anteilnahme der Moskauer Intelligenz im Danielkloster beerdigt.


Zur Inszenierung

Anne Zühlke arbeitet in ihrer Inszenierung mit äußerst reduzierten Mitteln, um die grotesken wie poetischen Züge des Beamten Popristschin hervortreten zu lassen. Durch das dynamische Zusammenspiel eines Schauspielers mit einem Musiker, gewinnen die Zuschauer Einblick in die absurde Innenwelt eines extrem widersprüchlichen Charakters. Dabei versucht die Regisseurin ein Theater zu realisieren, in dem Raum, Musik, Wort, Bewegung, Maskenspiel und Requisit zusammenfinden.

König Gogol

König Gogol

zurück

© 2019 DAKTYLUS e.V. kontakt@theater-daktylus.de | T 49(0)30 - 83 23 91 21